„Alles beginnt mit der Motivation“ Der Begriff klingt kompliziert, die Idee hinter dem Unterrichtskonzept ist aber einfach: Nicht die Fehler der Schüler sollen im Mittelpunkt stehen, sondern ihre Fähigkeiten. Dr. Ilse Brunner erklärt, wie Portfolios eingesetzt werden können und weshalb in Luxemburg ein Umdenken in der Schule erforderlich ist.von Fabienne PirschTélécran: Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Portfolios in der Schule. Können Sie kurz erläutern, was ein Portfolio überhaupt ist?
Ilse Brunner: Ein Portfolio ist eigentlich nur eine Mappe mit einer Sammlung von Arbeiten. Der Inhalt ist natürlich sehr wertvoll, denn es sind Lernprodukte, die das Kind selbst ausgewählt hat und auf die es stolz ist. Das können zum Beispiel Geschichten, Klassenarbeiten, Zeichnungen oder Fotos sein. Es sind Beweise für das, was die Schüler bereits können. Wenn ein Kind sich schwer tut mit dem Lernen, dann kann es trotzdem auf diese Art vorzeigen, was es bereits geleistet hat. Jedes Kind strengt sich an, wenn es den Sinn erkennt und merkt, dass es sich lohnt! Deshalb sollten die Kinder auch hinten auf ihre Arbeiten schreiben, was sie dabei gelernt haben und weshalb sie es ins Portfolio legen. Das bringt die Schüler dazu, über ihre Lernziele nachzudenken. Wenn im Kindergarten Nikoläuse ausgeschnitten werden, dann ist das Schneiden ja nur das Tun. Aber was lernen die Kinder dabei? Schneiden, Farben auswählen und so weiter. So lange das Kind sich nicht bewusst ist, dass es dabei eigentlich ums Schneiden geht, wird es beim nächsten Mal keine Fortschritte machen, weil es sich nicht daran erinnert, dass es schon eine Erfahrung damit gemacht hat.
Die Lehrer sehen anhand der Portfolios, wie sich die einzelnen Schüler entwickelt haben, welche Fähigkeiten sie verbessert haben und wo es noch Schwierigkeiten gibt, an denen intensiver gearbeitet werden soll. Wichtig sind natürlich die Portfolio-Gespräche, denn jedes Portfolio ist nur so gut, wie das Gespräch darüber! In einer Klasse, in der Vertrauen besteht, sind die Kinder nicht neidisch auf die Leistungen der anderen, sondern wollen auch lernen, was die anderen schon können.
Télécran: Wenn Portfolios den Zweck haben, Leistungsverbesserungen aufzuzeigen, dann könnten sie ja auch als Ersatz für das Notensystem benutzt werden?
Ilse Brunner: Dazu gibt es natürlich geteilte Meinungen. Die einen sagen, dass die Leistung für sich spricht. Wenn man das Portfolio analysiert, sieht man, wie gut das Kind ist. Viele Länder halten aber an ihrem Notensystem fest. Das Portfolio kann in dem Fall als Teil einer Benotung eingesetzt werden. Ein gutes Portfolio zeigt ja mehr als eine Klassenarbeit und kann somit helfen, die Noten zu verbessern. Im Sekundarunterricht kann es als fächerübergreifendes Projekt genutzt werden, wenn verschiedene Lehrer bestimmte Projekte zusammen machen wollen. In den USA werden Portfolios mittlerweile als Ersatz für Abschlussexamen in Hochschulen und Universitäten genommen. Der große Vorteil ist, dass das Portfolio ständig verbessert werden kann. Im Gespräch mit der Lehrerin erfährt der Schüler, ob am Portfolio vielleicht noch etwas verändert werden muss. So müssten es eigentlich alle Lehrer schaffen, die Kinder auf ein hohes Niveau zu bringen.
Télécran: Portfolios können also helfen, die Chancengleichheit in heterogenen Klassen zu fördern?
Ilse Brunner: Genau. Lehrerinnen in Luxemburg sagen mir oft, dass dies unmöglich sei, weil die Bandbreite der Fähigkeiten in ihren Klassen zu groß sei. Das glaube ich nicht. Wenn sie den Unterricht so gestalten, dass diejenigen, die etwas verstanden haben, direkt alleine weiterarbeiten können, dann haben sie genügend Zeit, sich um die paar Schüler zu kümmern, die es nicht verstanden haben. Es gibt natürlich welche, die in allem gut sind und andere, die sehr limitiert in ihren Lernfähigkeiten sind. Diesen muss man intensiver helfen, damit sie die Basiskompetenzen erreichen. Es gibt ja Basisgrade für jede Fähigkeit und da bekommt man jedes Kind hin.
Télécran: Wie muss der Unterricht gestaltet sein, damit das Arbeiten mit Portfolios überhaupt Sinn macht?
Ilse Brunner: Wenn man als Lehrer Frontalunterricht gibt und die ganze Klasse das gleiche Arbeitsblatt ausfüllt, dann werden die Portfolios den Lehrer mit Sicherheit langweilen. Sie enthalten ja dann alle das Gleiche. Der Frontalunterricht ist sehr nützlich, um Informationen zu vermitteln. Wichtig ist aber, was danach damit passiert. Die Kinder können ganz unterschiedliche Aufgaben machen und trotzdem das gleiche Ziel erreichen. Wenn die Kinder in einer Klasse zum Beispiel lernen sollen, wie man Tiere richtig beschreibt, dann kann der eine dazu ein Gedicht schreiben, der andere ein Interview mit dem Tierpfleger im Zoo machen, der Dritte ein Plakat basteln. Zum Schluss hat man lauter verschiedene Produkte, die alle das gleiche Lernziel haben.
Télécran: Wenn jedes Kind eine andere Aufgabe macht, besteht da nicht die Gefahr, dass jeder vor sich hinarbeitet und das gemeinsame Ziel aus den Augen verliert?
Ilse Brunner: Ich sehe es eher umgekehrt. Anfangs arbeitet jeder auf die Unterrichtsziele hin. Wenn sich dann ein Kind für etwas ganz besonders begeistert, dann sollte man es unbedingt ermuntern, an diesem Projekt weiter zu arbeiten. Auch wenn der Rest der Klasse das Thema Tiere abgeschlossen hat, kann das betroffene Kind in seiner freien Zeit weiter an seiner Tiergeschichte arbeiten, weil es zum Beispiel ein Tierbuch erstellen möchte. Zwei, drei Wochen später kann es der Klasse dann vorstellen, was es zusätzlich herausgefunden hat. Dafür muss der Unterricht so gestaltet sein, dass die Kinder echte Freiräume haben, um auch persönliche Ziele zu verfolgen. Wenn man in einer Klasse erreicht, dass sich jedes Kind im Jahr mindestens einmal besonders für ein Thema interessiert, dann hat man als Lehrer eine sehr gute Arbeit geleistet.
Télécran: Nur sind leider nicht immer alle Kinder motiviert. Wie kann man die Motivation fördern?
Ilse Brunner: Wenn ein Schüler nicht motiviert ist, dann liegt es meistens daran, dass er irgendwann irgendetwas nicht verstanden hat. Das hintert ihn daran, weiterzulernen. Dann muss man einen Schritt zurückgehen und schauen, wo das Problem liegt. Um motiviert zu sein, muss man aber auch Interesse am Thema haben. Die Lehrerin sollte also erst einmal herausfinden, wofür sich die Schüler interessieren und wie man das in den Unterricht einbauen kann. Denn wer sagt, dass Rockstars nichts im Mathe-Unterricht zu suchen haben? Aufgabe der Lehrerin ist es, eine Brücke zwischen Rockstars und Multiplikationen zu schlagen. Wo muss ein Rockstar multiplizieren können? Vielleicht bei seinen Gagen. Und schon ist das Interesse der Kinder geweckt. Wichtig ist, diese Interessen ernst zu nehmen und zu zeigen, dass man die Anstrengungen der Schüler auch ernst nimmt, selbst wenn diese noch nicht ganz auf der Höhe sind. Portfolios bringen die Schüler zusätzlich dazu, sich anzustrengen. Sie wollen ja etwas vorzeigen, wofür sie später Anerkennung bekommen.
Télécran: Anerkennung wollen die Kinder ja auch von ihren Eltern. Wie können diese durch Portfolios stärker in die Schule eingebunden werden?
Ilse Brunner: Über Portfolios soll ja geredet werden, auch mit den Eltern. Viele Lehrer nehmen sie als Grundlage oder als Ersatz für Elternsprechtage. Die Portfolios zeigen ja am besten, was die Kinder alles gelernt haben. Wichtig ist, dass die ersten Portfolios nicht mit nach Hause genommen, sondern in der Schule präsentiert werden. Die Lehrerin kann den Eltern dann nämlich zuerst die Regeln eines Portfolio-Betrachters erklären.
Télécran: Wie verhält sich denn ein guter Portfolio-Betrachter?
Ilse Brunner: Er kritisiert nicht! Er lobt erst einmal alles, was es zu loben gibt. Ich weiß, dass den Eltern Rechtschreibung und Schönschrift sehr wichtig sind. Aber darum geht es hier nicht. Zuerst wird gelobt und dann konstruktiv kritisiert. Die Eltern sollen die Anstrengungen der Kinder wertschätzen.
Télécran: Die luxemburgische Schule befindet sich im Wandel. Der Kompetenz basierte Unterricht wird gerade eingeführt und aus der rein theoretischen Wissensvermittlung soll ein Unterricht mit mehr Praxisnähe werden. Sie sagen, dass man einen „vollständigen Lernprozess“ durchlaufen muss, um sich Kompetenzen aneignen zu können. Was meinen Sie damit?
Ilse Brunner: Dieser Prozess beginnt mit der Motivation der Schüler. Die Lehrer müssen interessante Kontexte finden, so dass die Kinder Lust bekommen, etwas zu lernen. Dann erhalten die Schüler lauter neue Informationen und sie merken schnell, dass sie mit diesen kämpfen müssen. Bestimmte Sachen verstehen sie sofort, weil sie sie schon einmal gehört oder gelesen haben. Andere Sachen passen aber nicht in ihr Weltbild und erscheinen unlogisch. Die Schüler müssen sich zwingen, darüber nachzudenken, um sie richtig einzuordnen. Dazu brauchen sie Beispiele, Gegenbeispiele, Visualisierungen der Lehrer. Erst so kann es zum Verstehen der Information kommen. Das ist eine wichtige Etappe, für die sich die Lehrer meistens nicht genügend Zeit nehmen. Ein Beispiel: Eine Klasse lernte die Multiplikation von Brüchen. Die Kinder kriegten das am Ende wunderbar hin: Sie wussten, wie man multipliziert und dann dividiert. Als ich sie fragte, was das Ergebnis denn überhaupt bedeute, wussten sie es nicht. Das zeigt, dass meistens viel zu früh mit dem Üben begonnen wird. Die Kinder lernen die Technik auswendig und erreichen so eine gewisse technische Perfektion. Das ist gut für die Klassenarbeit. Sie wissen aber nicht, was sie lernen und können es auch in keiner anderen Situation anwenden. Das Bewusstwerden darüber, was man gelernt hat, ist sehr wichtig.
Télécran: Ist in Luxemburg noch viel Umdenken nötig?
Ilse Brunner: Die Lehrerinnen hier legen noch sehr viel Wert auf Diktat und Rechtschreibung. Wenn man die Sprache als Kommunikationsmittel sieht, bei dem es darum geht, Ideen auszudrücken, dann ist die Rechtschreibung der allerletzte Schritt. Natürlich ist sie ein sehr wichtiger Teil, aber wenn man zu früh damit anfängt, dann sind die guten Ideen weg. Dann sagt sich das Kind „das kann ich nicht schreiben, weil ich das Wort nicht kenne“. Heraus kommen ganz langweilige Geschichten mit sehr wenigen Wörtern. Dabei lieben Kinder schwierige Wörter! Also, Lehrerinnen, lasst die Kinder erst mal drauf los schreiben. Erst im letzten Schritt wird geschaut, wie man es richtig schreibt, damit auch andere Freude daran haben, es zu lesen.
Ein gewisses Umdenken ist auch von den Kindern erforderlich. Sie müssen einsehen, dass es ihre Aufgabe ist, der Lehrerin zu zeigen, was sie können, und nicht die Aufgabe der Lehrerin, ihnen zu zeigen, welche Fehler sie machen. Die Lehrerinnen wiederum müssen fest dran glauben, dass jedes Kind lernfähig ist. Wenn ein Kind etwas nicht versteht, liegt es vielleicht in der Art, wie es dargebracht wurde. Lehrer sind es gewohnt, Lernwege vorzugeben, die sich bewährt haben. Doch Kinder, die sich schwer tun beim Lernen, sind Andersdenker. Sie benötigen andere Lernwege. Ein Lehrer braucht im Endeffekt ein sehr großes Repertoire an Lernwegen, die er in unterschiedlichen Situationen anbieten kann.
Mit Portfolios Kompetenzen erwerbenDr. Ilse Brunner ist derzeit auf Einladung des Script in Luxemburg, um Lehrern und Lehrerinnen einen Einblick in die Arbeit mit Portfolios und einen Überblick über die Entwicklung der Portfolioarbeit zu geben. Die freiberufliche Schulentwicklungsberaterin hat bereits einige Bücher veröffentlicht, darunter „Gerecht beurteilen. Portfolio: die Alternative für die Grundschulpraxis“ (2000), „Leistungsbeurteilung in der Praxis. Der Einsatz von Portfolios im Unterricht der Sekundarstufe“ (2201) und „Stärken suchen und Talente fördern. Pädagogische Elemente einer neuen Lernkultur für die Portfolioarbeit“ (2006).
www.formation-continue.lu