Der Olympia-Blog: 27. Februar 2010
Schlaflos in VancouverGamachu kann seine Augen kaum noch offen halten. Müde blinzelt er ins helle Licht. Als ich ihn frage, wie es ihm geht, reagiert er erst einige Sekunden später. „Good. Thank you.“, versichert er mir. Aber so richtig kann ich ihm das nicht glauben.
Seit mehr als drei Wochen gibt es für den gebürtigen Äthiopier weder Erholung noch Schlaf. Es gilt drei verschiedene Jobs unter einen Hut zu bringen. Jede einzelne Minute ist verplant und der kleinste Zwischenfall könnte den gesamten Zeitplan durcheinander bringen.
So wie ihm geht es momentan vielen. Mit wem ich auch spreche, alle scheinen mindestens einen weiteren Arbeitsplatz neben den Olympischen Spielen zu haben. Kein Wunder. So reizvoll einige Versprechen in den Ohren der Hoffenden auch klangen, auf die wenigsten wartet nach dem Ende der sportlichen Wettkämpfe eine Festanstellung.
Sean, ein gelernter Koch, hat sich bereits auf drei Kreuzfahrtschiffen beworben, James, eigentlich Parc Ranger, will nach den Olympischen Spielen zur Polizei und Ivi, der aus Albanien kommt und in Vancouver studiert, ist erneut arbeitslos. Die Arbeitssituation in der Stadt am Pazifik ist angespannt. Wer hier im Westen überhaupt einen Job findet, kann sich glücklich schätzen. Die höchsten Lebenshaltungskosten treffen in Vancouver auf den geringsten Mindestlohn. Da heißt es Zähne zusammenbeißen und durchhalten.
Kein Problem mit der richtigen Einstellung. Obwohl viele hart kämpfen müssen, sprühen meine Kollegen in Kanada nur so vor Motivation und guter Laune. Wie Joy, die ihrem Namen alle Ehre macht und auch noch bei größter Müdigkeit ein Lächeln auf die Gesichter der anderen zaubert. Zu Gamachu fällt ihr nur eines ein: „He is our sunshine!“, und damit hat sie vollkommen Recht.
Seit vier Jahren lebt der gebürtige Äthiopier in Vancouver, seit acht Jahren hat er seine Familie nicht mehr gesehen. „I miss my mom!“, erzählt er uns in einer ruhigen Minute und zum ersten Mal liegt Traurigkeit in seiner Stimme. Gamachu weiß wofür er arbeitet. Jeden Monat schickt er seiner Familie einen kleinen Teil seines Lohnes und hilft ihnen auf diesem Wege aus der Armut. So schnell wie möglich, möchte er auch seine kleine Schwester nach Kanada holen und spornt sie deshalb aus der Ferne an, sich in der Schule anzustrengen.
Im nächsten Sommer kann er sich vielleicht endlich das ersehnte Flugticket in seine Heimat leisten. Die Sehnsucht ist einfach zu groß, um noch länger zu warten. Und wenn ihn wochenlanger Schlafmangel der afrikanischen Sonne ein Stück näher bringt, dann nimmt er den Stress gern in Kauf.
Auf der Rückfahrt im Bus fallen ihm um neun Uhr morgens schließlich doch die Augen zu. Er wird zu Hause nur drei Stunden schlafen können, bevor er um zwei wieder anfängt zu arbeiten. Aber keine Sorge. Die Olympischen Spiele nähern sich dem Ende. Bald lässt es Gamachu mit seinem Studium und nur noch zwei Nebenjobs wieder ruhiger angehen. Die meistert er dank seiner ungebremsten Lebensfreude mit einem Lächeln.