Der Olympia-Blog: 23. Februar 2010
Der Traum vom Olympischen GoldEishockey kann anstrengend und brutal sein. Der Nationalsport Kanadas passt zur rauhen Natur des Landes, mit der die Menschen immer wieder zu kämpfen haben. Sollte die kanadische Mannschaft bei den Olympischen Spielen siegen, wird nicht nur in Vancouver, sondern im gesamten Land Ausnahmezustand herrschen.
Deutschland gegen Weißrussland hieß es vor zwei Tagen und ich war dabei. Gespannt auf die besondere Atmosphäre machte ich mich auf den Weg zum Canada Hockey Place.
(Kurze Bemerkung nebenbei: Der Austragungsort der Eishockeyspiele heißt eigentlich GM Place. Da General Motors aber kein offizieller Sponsor der Olympischen Spiele ist, taufte man die Halle kurzerhand um.)Das Spiel sollte um neun beginnen, und ich hatte seit meiner letzten Nachtschicht nur eine Stunde geschlafen. Fehler! Irgendwie war alles zu laut. Dabei hätte ich es besser wissen müssen. Vancouver hat sich in den letzten zwei Wochen verändert. Keine Fahrt in öffentlichen Verkehrsmitteln ohne das Anstimmen der kanadischen Nationalhymne. Und so schreit auch dieses Mal wieder jemand heiser und mit gebrochener Stimme „Canada!“ in die Runde und schon geht es los: „Oh Canada...!“ Alle stimmen mit ein. Eine Frau neben mir, fragt lachend ihre Freundin, was denn bloß aus den ruhigen Kanadiern geworden ist.
Das Spiel selbst: eigentlich nebensächlich. Weißrussland schlägt Deutschland 5:3, die einen jubeln, die anderen weinen. Zwischendurch kleine Spielchen, um die Zuschauer bei Laune zu halten, Hot Dogs und Bier. Fahnen werden geschwenkt, Mannschaften angefeuert und Meinungen ausgetauscht. Die Kanadier sitzen auch im Publikum und fiebern mit, selbst wenn die eigene Mannschaft erst am nächsten Tag wieder spielt.
Draußen nehmen einen nach dem Spiel die Menschenmassen gefangen. Wo sonst bereits um zwei Uhr nachts die Straßen wie leer gefegt sind, wird im Moment rund um die Uhr gefeiert. Feuerschlucker, Live Konzerte oder spontane Tanzeinlagen, alles ist möglich und alle machen mit. Wirklich alle? Eine Studentin, die ich nachts um halb drei auf dem Weg zur Arbeit an der Bushaltestelle treffe, sieht das anders. Sie ist froh, wenn wieder ein bisschen mehr Ruhe einkehrt und verbringt ihre Freizeit mittlerweile am liebsten zu Hause. Und auch Jason, der wie ich als Screener arbeitet, meidet die großen Massen. Einen kurzen Überblick über das Geschehen in Downtown hat er sich in den nicht ganz so turbulenten Morgenstunden verschafft.
Nur ein Ereignis zieht alle vor den Bildschirm: Eishockey. Egal ob vor Großbildleinwänden, zu Hause oder in den Arbeitspausen. Alle fiebern mit. Gestern ein erster herber Rückschlag. Das US-Team schlägt die kanadische Mannschaft und schon herrscht Ruhe im Skytrain. Die Fahnen sind immer noch da, werden aber beim Aussteigen nicht mehr über den Köpfen der Fahrgäste geschwenkt.
Doch keine Sorge, das wird sich morgen ändern, wenn die kanadische und die deutsche Mannschaft das Eis betreten. Philippe, ein Kollege aus Montreal, zeigt sich bedenklich. Was passiert bei einer weiteren Niederlage? Zum Glück kann ich ihn beruhigen. Beim Spiel gegen Weißrussland hat die deutsche Mannschaft eindrucksvoll bewiesen, was sie nicht kann: gegen Kanada gewinnen. Woran es fehlt? An Energie und Geschwindigkeit.
Und außerdem: auch wenn ich auf alle anderen Partys verzichten kann, diese eine will ich unbedingt miterleben. Deshalb: Olympisches Gold für Kanada! Dann heißt es nicht nur hier, sondern im ganzen Land: „Oh Canada...!“