Der Olympia-Blog: 18. Februar 2010
Groupies und ihre GötterGroupies gibt es überall. Auch bei den Olympischen Spielen. Der Vorteil für den angebeteten Sportler liegt auf der Hand. Auch ohne Medaille wird er als Objekt der Begierde auf den Olymp gehoben. Der Nachteil. Neugierige Blicke und unkontrollierbare Annäherungsversuche folgen auf Schritt und Tritt.
Und die andere Seite? Die hat es auch nicht immer leicht. Unmenschliche Hürden müssen genommen und nahezu unbesiegbare Gegner überwunden werden. Sicherheitsabsperrungen, Polizisten und Leibwächter können einem das Leben aber auch wirklich zur Hölle machen. Der beste Trick: Sich vorsorglich in die feindlichen Reihen einschleusen und abwarten.
So geschehen auch in meinem Sicherheitsteam. Trainiert, um verbotene Gegenstände aufzuspüren und von den sportlichen Wettkämpfen fern zu halten, können wir Groupies leider erst dann einwandfrei identifizieren, wenn sie ihr wahres Gesicht zeigen. Vor ein paar Tagen war es soweit. Bei einem der zahlreichen Sicherheitskontrollpunkte im Olympischen Dorf ließ ein Kollege die Maske fallen. Er entblößte seinen Oberkörper, bat den angebeteten Athleten um ein Autogramm auf die nackte Haut und wurde anschließend gefeuert. Reue? Natürlich nicht. Das war es ihm wert.
Das Herz eines eher gemäßigten weiblichen Groupies entflammte letzte Nacht auch in meiner kleinen Gruppe. „Oh, he's so cute!“, lässt mich Joyce wissen und und hört nicht auf zu grinsen.
Kurz zuvor war es geschehen. Um halb zwei in der Nacht hören wir plötzlich Schritte im Kies. Der Himmel ist sternenklar, die Luft eisig und in der Ferne erkennen wir die russischen Farben. Zwei blonde Männer, begleitet von einer Mitarbeiterin in blauer Jacke (der aufmerksame Leser weiß diese Art Uniform bereits einzuordnen), kommen auf uns zu. Kann er das wirklich sein? Nein, unmöglich, viel zu spät, die Athleten haben das Gelände längst verlassen. Aber dieses Haar …
„Have a good night!“
„Thank you. You too!“
Er war es tatsächlich. Jewgeni Pluschenko, der russische Gott des Eiskunstlaufens. Joyce kann kaum an sich halten. Ich überlege. Warum so viel Begeisterung? Ist es die blasse Haut? Sind es die blonden Haare mit dem gewöhnungsbedürftigen Schnitt? Unwichtig. Das Herz eines Groupies ist unergründlich. Und so zählt in dieser Nacht allein die Freude, die das kurze Aneinandervorbeigleiten Joyce bereitet hat.
Zum Glück blieb ihr Oberkörper in dieser Nacht autogrammfrei. Wer weiß, welchen olympischen Helden sie morgen noch begegnen kann.