Der Olympia-Blog: 15. Februar 2010
PausenzauberWährend der Olympischen Spiele sind Pausen ein seltenes Gut. Nicht nur die internationalen Medien sind nahezu 24 Stunden auf dem Sprung, auch an anderen Fronten wird ununterbrochen gearbeitet.
Die Gesichter meiner Kollegen bieten momentan alle die gleiche wunderschöne Kombination aus dunklen Augenringen auf blasser Haut. Ein Augenschmaus! Was jeden Einzelnen wach hält?
Da wären zum Einen natürlich die Kaffee- und Essenspausen. Klar, die erste Nacht war noch gewöhnungsbedürftig. Heiße Tomatensuppe und ein Riesenstück schwabbeliger Lasagne wollen um halb drei morgens schließlich erst einmal verdaut werden. Aber keine Sorge: alles eine Frage des Trainings. Nach drei Tagen ist der natürliche Rhythmus ausgetrickst und der Magen resistent. Einzige potentielle Gefahrenquelle: das Frühstück. Joyce, die für die Durchleuchtung größerer Taschen zuständig ist, verzieht bei dem Gedanken an die angebotenen Frühstückseier angeekelt das Gesicht. Hauptkritikpunkt: der undefinierbare Nachgeschmack. Eine andere Kollegin berichtet mir von einem ungewöhnlich dickflüssigen Kakao.
Nun, was soll ich sagen: mir schmeckt beides. Eine Irritation der natürlichen Geschmacksnerven? Unwahrscheinlich. Einzig und allein der Pausenzauber hatte seine Finger im Spiel. Nachtwanderungen im Ferienlager erzeugten in der Kindheit einen ähnlichen Effekt. Keine Widerstände waren zu groß, keine Zäune zu hoch und kein Stockbrot zu angebrannt. Allein das Abenteuer zählte. Und davon gibt es hier eine Menge. Entpuppt sich ein Rascheln im Gebüsch wieder einmal als dicker Waschbär oder herum irrendes Stinktier, beginnen auch die Augen der härtesten Polizisten zu leuchten.
Bei der Gelegenheit fällt mir etwas ein. Habe ich eigentlich schon Bruce erwähnt?
Bruce hat ein stahlhartes Gesicht, seine Waffe immer griffbereit neben dem Bett liegen und nur in Ausnahmefällen Lust zu lächeln. Sollte aus Altersgründen eine Neubesetzung für „Stirb Langsam V“ notwendig werden, könnte er ohne Weiteres einspringen.
Was viele nicht ahnen: Gerade Bruce hat eine künstlerisch anspruchsvolle Pausenleidenschaft. Einskunstlauf. Nein nein! auf die glatte Eisfläche hat er sich bisher noch nicht gewagt. Dafür liebt er es, den grazilen Athleten beim anspruchsvollen Training zuzusehen. Konzentriert verfolgt er jede Pirouette und jede noch so kleine Armbewegung. Heute morgen um kurz vor acht dann das abschließende Urteil: „That's really impressive!“
Klassische Musik gepaart mit körperlich anspruchsvollen Verrenkungen: eine gesunde Ergänzung zum Frühstück? Für Bruce definitiv. Das anmutige Abenteuer für die Pause zwischendurch hält ihn wach. Und was machen die anderen? Die halten sich an das verdächtige Ei. Der Nachgeschmack ist Abenteuer genug.
Vanessa Penna