Der Olympia-Blog: 14. Februar 2010
Licht und SchattenVancouver, 2.30 Uhr nachts, leichter Regen. Um 4 Uhr beginnt meine Arbeitsschicht. Ich streife meine Kapuze über und atme die kühle Luft ein. Schlaf wäre schön gewesen, aber heute muss ich mit nur einer Stunde auskommen. Die Straßen sind ruhig und die Uhrzeit hat einen entscheidenden Vorteil: keine langen Warteschlangen und keine überfüllten Busse. Dachte ich zumindest.
Kaum erreicht der Bus Downtown, wird es laut. Die Bars und Clubs schließen hier bereits gegen 3 und die feiernden Massen machen sich auf den Weg nach Hause. Das Drängen im Bus wird größer und die betrunkenen Stimmen lauter. Hinter mir schreit ein Brasilianer in sein Handy und versucht mit seinen hektischen Worten alle zu übertönen.
Die Akkreditierungspässe tragen ich und zwei andere vorsorglich versteckt unter der Jacke. Man hat uns gewarnt. Zu offen und frei schwingend präsentiert, sind sie schon vielen Mitarbeitern vom Hals gerissen worden. Ich bin spät dran und als sich fast eine Schlägerei anbahnt, nehme ich mir vor, das nächste mal früher aufzubrechen.
Die Busroute führt vorbei an teuren Geschäften und versteckten Bars. Ein paar mal muss der Busfahrer hupen, bevor auf der Straße stehende Grüppchen in letzter Sekunde zur Seite springen.
Fünf Blocks weiter scheint die Straßenbeleuchtung dunkler zu werden. Ich schaue aus dem Fenster und weiß genau wo wir sind: East Hastings Street. Das ehemals boomende Geschäftsviertel bietet heute einen erschreckenden Anblick. An den Straßenecken kauern Menschen mit Wolldecken und Einkaufswagen, in denen sie tagsüber ihr ganzes Hab und Gut transportieren. Das ärmste Viertel Kanadas zieht Obdachlose aus dem ganzen Land an. Prostitution und Drogen gehören hier zum Alltag und geistig Verwirrte suchen Zuflucht in Selbstgesprächen.
Ich fahre zum ersten Mal um diese Uhrzeit durch die Kulisse aus dunklen Eingängen und verfallenen Wohnungen. Vor einem Getränkehandel plötzlich eine größere Menschenmenge. Voll geladene Einkaufswagen und unzählige gesammelte Flaschen säumen den Bordstein. Während viele der Wartenden bei Tageslicht durch Alkohol und Drogen der Welt entrückt zu sein scheinen, erweckt die nächtliche Ansammlung den Eindruck organisierter Betriebsamkeit.
Laute Stimmen holen mich in den Bus zurück. Hier ist keiner mehr nüchtern. Was draußen geschieht, interessiert nicht. Der nächste Rausch ist schon geplant und uneingeschränktes Vergnügen vorprogrammiert. Die Olympischen Spiele sind ein perfekter Anlass.
STOP, meine Station leuchtet auf und ich ziehe die Leine. Draußen atme ich erst einmal tief durch. Vancouver ist die Stadt der Kontraste. In jeder Hinsicht.
Vanessa Penna