Der Olympia-Blog: 13. Februar 2010
Freude und Trauer
Die Wolken hängen tief und schwer über Vancouver. Es ist passiert, was eigentlich nicht passieren darf. Es gibt einen toten Rodler bevor die Olympischen Spiele überhaupt begonnen haben.
Ich sitze in einem Coffeeshop an der Main Street. Hier lassen sich alle aktuellen Ereignisse des Tages am Bildschirm mitverfolgen. Die Kommentatoren und Moderatoren sind euphorisch und perfekt gestylt. Mitten in der Berichterstattung dann die Bilder des tödlichen Unfalls. Die beiden Mädchen neben mir schreien kurz auf und sind dann still. Auch andere wenden sich jetzt dem Bildschirm zu. Draußen wird es langsam dunkel und die Verantwortlichen und Athleten sind vor eine schwierige Aufgabe gestellt: was tun in dieser Situation?
Wenige Stunden vor Beginn der offiziellen Eröffnungsfeier mischt sich ein bitterer Beigeschmack in die sieben Jahre lang geplante Freudenveranstaltung. Realistisch betrachtet wird es aber auch diesmal heißen: „The show must go on“. Was auch sonst?
Und schon nimmt sie mich wieder gefangen, die Flut der positiven Bilder. Berglandschaften, Sonnenuntergänge und Sätze, die ein bisschen amerikanisch wirken. So wird mir von einer Stimme erklärt „In Canada, everything is possible. Because we live in the best country of the world“. In Ordnung, denke ich, mir gefällt es hier auch ganz gut. Also lassen wir das mal so stehen. Und natürlich gibt es auch für das kanadische Eishockeyteam nur eine zulässige Beschreibung: „The red army is reborn“.
Zugegeben, auch ich sträube mich gegen allzu glatte Massenveranstaltungen und gegen den Glanz auf Knopfdruck. Die Geschichten aber darf man ruhig mögen. Das sagt mir auch Jane, die ich während meiner letzten Arbeitsschicht kennen gelernt habe. Die Mutter zweier Kinder gibt die ganze Nacht lang kernige Sprüche zum besten und ist hart im Nehmen. Erst vor zwei Wochen hat sie sich schwer an der Hüfte verletzt und kann sich auch jetzt nur mit zwei Gehilfen fortbewegen. Zur Arbeit ist sie trotzdem erschienen und sprüht vor Motivation und guter Laune. Sie will unbedingt dabei sein und ihr Land repräsentieren. Und natürlich liebt sie Eishockey. Das heißeste Duell? Jane ist sich sicher. Die Eishockey-Frauen aus Kanada werden ihren Gegnerinnen aus den Vereinigten Staaten nichts schenken.
Die Tische im Coffeeshop haben sich mittlerweile gefüllt, die Straßen sind leer. Die Musik wird leiser und der Fernseher lauter gedreht: Zeit für die Eröffnungszeremonie. Viele folgen gebannt der dreistündigen Inszenierung aus Ansprachen, Licht und Musik und scheinen hin- und her gerissen zu sein. Offene Freude oder kritische Distanz?
Plötzlich erklingt neben mir lautes Lachen. Ein Blick auf den Bildschirm genügt, dann liegt der Grund auf der Hand. Es gibt einen technischen Defekt bei der Entzündung der Olympischen Flamme. Zwei Pfeiler wollen sich einfach nicht aus dem Boden fahren lassen. Das ist Entertainment! Als der Fackelträger kurz darauf ungeduldig hinter einer verschlossenen Glastür warten muss, können sich einige nicht mehr halten.
Habe ich eigentlich schon die Busse erwähnt? Die sind in den letzten Stunden nahezu leer an uns vorbeigefahren. Mit dem Ende der Eröffnungszeremonie füllen sie sich wieder und Kanada-Pullover und Flaggen bewegen sich in Richtung Downtown. Für viele beginnt jetzt eine 16-tägige Party.
Auch die georgische Mannschaft, die erst heute einen Menschen verloren hat, wird dabei sein. Für ihren verunglückten Kollegen, wie sie sagen.
Und natürlich Jane, die auch morgen wieder acht Stunden in der Kälte stehen wird, trotz starker Schmerzen.
Die Stadt Vancouver erzählt zur Zeit viele Geschichten. Einige will man, andere sollte man hören. Ich werde berichten.
Vanessa Penna