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Musikfilm


Vom Singen im Regen


 Talkies, so nannte die amerikanische Fachpresse die frühen Tonfilme. Doch bevor der Film zu sprechen begann, lernte er erst einmal singen. Der künstlerisch eher unbedeutende Streifen, mit dem die neue Technik Ende 1927 ihren Siegszug begann, hieß „The Jazz Singer“. 

Das Werk war die Verfilmung einer Broadway-Show, und auch Al Jolson, der im Film mit schwarzer Schuhwichse im Gesicht sein unvergessliches „Mammy“ schmetterte, hatte seine Lehrjahre in den Variétés von New York absolviert. Es war der Beginn einer wunderbaren Freundschaft zwischen der Hauptstadt des Films und jener des Musiktheaters. Denn das Publikum verlangte nach mehr.

Der Musikfilm erlebte bald einen regelrechten Boom. Zahllose Broadway-Adaptationen entstanden Ende der 20er-, Anfang der 30er-Jahre in den Hollywoodstudios. Neue Stars mussten her, um dem Publikum ihre Gesang- und Tanzkünste darzubieten. Sie wurden, wie auch viele Komponisten, Arrangeure, Dirigenten, Musiker und Tänzer vom Broadway abgeworben. Die meisten dieser frühen Filmmusicals waren stark der Bühne verpflichtet, und eigentlich nicht viel mehr als abgefilmte Shows. Die dünne Rahmenhandlung, die in der Regel im Theatermilieu spielte, diente nur als Vorwand, um die Musik- und Tanznummern zu einem dramaturgischen Ganzen zusammenzuklammern.

Tanzende Kamera.

Frischen Wind in ein Genre, das schnell erste Ermüdungserscheinungen zeigte, brachte ein ehemaliger Exerziermeister der Armee: Busby Berkeley. Ein Choreograph des Zelluloids, der in Filmen wie „42nd Street“ oder „Golddiggers of 1933“ (beide 1933) nicht nur die Tänzer (und vorwiegend Tänzerinnen) zum Tanzen brachten, sondern auch die Kamera. Schöne Mädchen, in endlosen Reihen aufgestellt oder zu geometrisch-kaleidoskopischen Mustern arrangiert, wurden sein Markenzeichen. Aus der beengten starren Bühne wurde ein offener Raum für grenzenlose filmische Phantasie.

Eine andere, eher künstlerische Art des Tanzes pflegte das Traumpaar des Musicals der 30er-Jahre in seinen Filmen: Fred Astaire und Gingers Rogers machten aus dem Tanz (und nebenbei auch dem Gesang) einen Ausdruck romantischer Gefühle, der zudem in die normale Handlung integriert war, statt als „Bühnennummer“ präsentiert zu werden.


Traum und Wirklichkeit.

Ein Studio sollte in den 40er- und 50er-Jahren wie kein anderes mit der Gattung Filmmusical verbunden werden: Metro-Goldwyn-Mayer, kurz MGM genannt. In einer riesigen Abteilung arbeiteten hochkarätige Spezialisten Hand in Hand, um jeden einzelnen Film zu einem erstklassigen Stück Entertainment zu machen. Regisseuren wie Vincente Minnelli („An American in Paris“, 1951) oder Stanley Donen und Gene Kelly („Singin’ in the Rain“, 1952) gelang die vollständige Verschmelzung von Songs, Tanz und Filmhandlung zu einem nahtlos wirkenden Ganzen.

  Wie bei allen Filmgenres gilt, dass der Zuschauer die Genrekonventionen akzeptieren muss, um „mitzugehen“. Schließlich drücken im realen Leben die wenigsten Menschen ihre Gefühle urplötzlich durch Musik oder Tanz aus. 

Und nur Verrückte tanzen dazu noch im Regen und springen von einer Pfütze in die andere, wie ein verliebter Gene Kelly es in „Singin’ in the Rain“ tut. Dass der Übergang im Musikfilm von einer Realitätsebene zur anderen als nicht spürbar empfunden wird, ist ein Wesenszug guter Filmmusicals. In ihnen werden die Regeln des Alltags ganz einfach außer Kraft gesetzt. Traum und Wirklichkeit werden in der Filmwelt eins.

Vaudeville, Variété und Ballett beeinflussten das Musicalgenre. Am Broadway entstanden seit George Gershwins „Porgy and Bess“ aber auch Musicals, die eher mit der Oper und Operette verwandt waren als mit dem Nummerntheater. Der Komponist Richard Rodgers und seine Texter Jerome Kern und Oscar Hammerstein II. schufen Klassiker wie „Showboat“, „Oklahoma“ oder „The King and I“, die schon bald nach ihrem Erfolg am Broadway als opulent ausgestattete Technicolor-Breitwand-epen verfilmt wurden. Mit Oscar-gekrönten Musical-Verfilmungen wie „My Fair Lady“ (1964) und „The Sound of Music“ (1965), einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten, setzte sich dieser Trend bis in die 60er Jahre fort.

Doch eigentlich war mit dem Niedergang des Studiosystems in den 50er Jahren auch die Blütezeit des Musicals zu Ende gegangen. „West Side Story“ (1960) beschritt bereits einen anderen Weg: Die sozialkritische Story, die Shakespeares Romeo und Julia in die Einwandererviertel New Yorks verlegte, wurde zum Teil on location gedreht.



Die Jazz-geprägte Musik (von Leonard Bernstein) und die am Jazztanz orientierte Choreographie (Jerome Robbins) sprachen die Sprache einer neuen Generation. Eine Entwicklung, die sich mit den Rockmusicals fortsetzte. In „Hair“ etwa, 1979 verfilmt, ging es um das Thema Vietnamkrieg. 

Dagegen scheint das Filmmusical der letzten Jahre wieder zu seinen Ursprüngen zurückgekehrt zu sein. Backstage-Storys vom harten Aufstieg begabter junger Tänzer erzählen Filme wie „Fame“ (1980), „A Chorus Line“ (1985) oder „Flashdance“ (1983). Mit der künstlerischen und kommerziellen Bedeutung, wie sie das klassische Hollywood-Musical einst hatte, können aber auch diese Erfolgsfilme sich nicht messen.


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