Ein Blick ins Kino- oder Fernsehprogramm kann nie schaden. Ist es eine
Komödie, ein Krimi, ein Drama, darf man sich auf einen vergnüglichen
Fernsehabend einstellen, auf anderthalb Stunden gesteigerter
Pulsfrequenz, oder sollte man das Taschentuch bereithalten? Der
Zuschauer liebt die Überraschung, allerdings in Maßen. Er will nicht nur
im Voraus wissen, ob auf der Leinwand die Liebe regiert oder das
Faustrecht der Gewalt. Er erwartet – paradoxerweise – auch, dass von
vornherein feststeht, wie sich eine Handlung entwickelt, und alles einem
Ende zusteuert, der den „Regeln“ des jeweiligen Filmgenres entspricht.
Das er trotzdem mitfiebert, obwohl er weiß, dass die Liebenden sich zum
Schluss in den Armen liegen, James Bond wieder einmal den tödlichsten
Fallen entkommt, und Superman (und sei es bloß bis zum nächsten Sequel)
über den Erzschurken triumphiert, ist ein psychologisches Phänomen, das
bis heute keine angemessene Erklärung gefunden hat.
Ein Blick ins Kino- oder Fernsehprogramm kann nie schaden. Ist es eine
Komödie, ein Krimi, ein Drama, darf man sich auf einen vergnüglichen
Fernsehabend einstellen, auf anderthalb Stunden gesteigerter
Pulsfrequenz, oder sollte man das Taschentuch bereithalten? Der
Zuschauer liebt die Überraschung, allerdings in Maßen. Er will nicht nur
im Voraus wissen, ob auf der Leinwand die Liebe regiert oder das
Faustrecht der Gewalt. Er erwartet – paradoxerweise – auch, dass von
vornherein feststeht, wie sich eine Handlung entwickelt, und alles einem
Ende zusteuert, der den „Regeln“ des jeweiligen Filmgenres entspricht.
Das er trotzdem mitfiebert, obwohl er weiß, dass die Liebenden sich zum
Schluss in den Armen liegen, James Bond wieder einmal den tödlichsten
Fallen entkommt, und Superman (und sei es bloß bis zum nächsten Sequel)
über den Erzschurken triumphiert, ist ein psychologisches Phänomen, das
bis heute keine angemessene Erklärung gefunden hat.
Wie alles begann.
Filmgenres sind ein Spiel mit den Erwartungen des Zuschauers. Die
meisten von ihnen sind so alt, oder fast so alt, wie das Kino selbst.
Dem Publikum, dem die Gebrüder Lumière 1895 die ersten „bewegten Bilder“
ihres Kinematographen vorführten, genügte die Sensation des Neuen: ein
Zug, der in den Bahnhof einfuhr und sich bedrohlich der Kamera – und
demnach dem verblüfften Zuschauer – näherte, Arbeiter beim Verlassen
einer Fabrik. Doch die Brüder fanden schnell heraus, dass etwas
circensischer Humor nicht schaden könnte, und so konnte das Publikum
sich freuen, wie in „L’arroseur arrosé“ ein Gärtner sich mit dem
Schlauch selbst nass spritzt. Bereits wenige Jahre später nutzte der
Bühnenzauberkünstler Georges Meliès die Filmtechnik, um Menschen auf den
Mond zu schicken. Science-Fiction- und Fantasy-Film waren geboren.
Da die Kamera damals noch nicht überall dabei sein konnte, wurden
aktuelle oder geschichtliche Begebenheiten, beziehungsweise Szenen aus
dem Leben großer Persönlichkeiten einfach nachgestellt, um dem Zuschauer
das Gefühl zu geben, selbst dabei gewesen zu sein. Die Basis für die
Gattungen Dokufiktion, Historienfilme, und Filmbiographie waren gelegt.
Und die erste Großaufnahme der Filmgeschichte war 1902 in einem Film zu sehen, der einen Überfall von Wild-West-Banditen auf einen Zug schilderte – „The Great Train Robbery“ gilt heute als Ahnherr des Westernfilms.
Erste Ansätze einer Kategorisierung waren auf die simple Tatsache
zurückzuführen, dass Verleiher, Kinobetreiber und Zuschauer wissen
wollten, was sich hinter den Titeln der Filme verbarg, in die sie ihr
Geld steckten – Film-„Stars“ als Verkaufsargument gab es zunächst noch
nicht. Komödie oder Drama? Die Bezeichnungen waren dem Theater entlehnt,
auf dessen Spuren das Kino damals wandelte, um sich vom Ruch der
Jahrmarktsattraktion für untere Gesellschaftsschichten zu befreien.
Klischees zahlen sich aus.
Doch die Einteilung verfeinerte sich rasch, ganz besonders in Hollywood.
Die Trivialliteratur und die melodramatischen Theaterstücke des 19.
Jahrhunderts lieferten in vielen Fällen die Vorbilder für schmalzige
Romanzen, Mantel-und-Degen-Abenteuer, Western- und andere
Abenteuergeschichten, gruselige Storys um Vampire und weitere Geschöpfe
der Nacht.
Die stereotypen Formen des Erzählens und Darstellens setzten sich in der
Filmindustrie schnell durch. Den großen Hollywood-Studios war an einer
Standardisierung der Produktion gelegen, durch welche die Bedürfnisse
des Publikums – wie sie sich an den Kinokassen ausdrückten – möglichst
verlustfrei befriedigt werden konnten. Was einmal gut ging, kann
nächstes Mal nicht schlecht gehen, so der Gedankengang, der dem
Kinozuschauer heute zum Beispiel einen endlosen Reigen an „romantischen
Komödien“ beschert, die eigentlich alle nach dem gleichen Muster
gestrickt sind: Am Ende findet zusammen, was zusammen gehört, auch wenn
dazwischen die Irrungen und Wirrungen des Liebeslebens und andere
Schicksalsschläge stehen.
Vom Opfer zum Helden.
Neben „rom-coms“ („romantic comedys“) funktioniert heute vor allem
alles, was nach „Thriller“ aussieht, an den Kinokassen.
Die Bezeichnung
ist diffus und wird mehr oder weniger wahllos benutzt, oft mit wenig
aussagekräftigen Zusätzen wie „Psycho“- oder „Action“-Thriller. Der Name
leitet sich vom englischen „thrill“ ab, was ungefähr so viel wie
Nervenkitzel bedeutet. Ein Thriller kann ebenso gut Gangsterfilm wie
Melodram oder gar Horrorfilm sein. Charakteristisch für diese Erzählform
ist aber, dass die Hauptfigur kein außergewöhnlicher Held ist, sondern
ein Normalbürger, der durch einen Zufall in eine Welt von Verbrechern,
Mördern und Spionen verstrickt wird und den Kampf aufnehmen muss, um
seine Unschuld zu beweisen oder sein Leben zu schützen.
Wie etwa in „The
Fugitive“ (1993) oder in der Fernsehserie „Auf der Flucht“, auf der der
Actionfilm mit Harrison Ford beruht.
Als Meister des Genres gilt Alfred Hitchcock, als Vater aller Thriller
sein Film „The 39 Steps“ von 1935. Hier wird der Protagonist des Mordes
an einer Geheimagentin verdächtigt, den er nicht begangen hat. Auf der
Flucht vor der Polizei und auf der Suche nach den wahren Tätern, einem
ausländischen Spionagering mit Verflechtungen in die gutbürgerliche
britische Gesellschaft hinein, gerät er an eine junge Frau, die zunächst
nichts mit dem „Verbrecher“ zu tun haben will, das Los des Flüchtlings
aber teilen muss, nachdem sie durch Polizei-Handschellen an ihn
gefesselt wurde. Das beschert dem Film bei aller Spannung einige
vergnügliche Dialoge und Szenen im Stil der damals beliebten „screwball
comedy“ (dem Urvater der modernen romantischen Komödien). Und es zeigt,
dass Hitchcock, wie alle großen Regisseure, ein Meister war, wenn es
darum ging, mit den Genre-Regeln zu experimentieren und sie zu
überschreiten.
Du mélo au spaghetti Tous les genres du cinéma en 10 leçons
Das Programm:
Eine Veranstaltungsreihe der Cinémathèque und der Universität Luxemburg
Teil 1: Film criminel und Film Noir Teil 2: Melodram Teil 3: Biopic Teil 4: Musikfilm Teil 5: Western (27.2.) Teil 6: Abenteuerfilm
(26.3.) Teil 7: Komödie (30.4.) Teil 8: Horrorfilm (28.5.) Teil 9: Politischen Film (18.6.)
Teil 10: Trickfilm (9.7.). Weitere Informationen: www.melospaghetti.lu