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Biopic


Ihrer Zeit voraus

Gerade im klassischen Hollywoodfilm spielen Genres eine wichtige Rolle: Sie helfen, die Erwartungen des Publikums im Hinblick auf Inhalt und Darstellungsform gezielter zu erfüllen. Doch die Einteilung ist keine exakte Wissenschaft, und deshalb sind Genre-Überlappungen eher die Regel als die Ausnahme. Das gilt auch für den biographischen Film, der zugleich Abenteuerfilm, Kriegsfilm oder historisches Drama sein kann. Oder gar Melodrama, wie zum Beispiel der Greta-Garbo-Klassiker „Queen Christina“ (1931) über das tragische Schicksal der schwedischen Königin. Der Einfachheit halber ließe sich vielleicht sagen, dass in einer Filmbiographie der Held oder die Heldin als Charakter im Mittelpunkt steht, nicht die Handlung.

Da der Film die Möglichkeit bot, historische Ereignisse „wirklichkeitsgetreu“ nachzustellen und einem breiten Publikum „Geschichte“ zu erzählen, wurde er schon in der Stummfilmzeit zum idealen Medium, um große Persönlichkeiten der Vergangenheit auf der Leinwand wieder zum Leben zu erwecken. Ein frühes Meisterwerk der Gattung war „Napoléon“ (1925-27): gut fünf Stunden großer Filmkunst, in denen Abel Gance die frühen (!) Jahre im Leben des Napoleon Bonaparte erzählte und seinem großen Landsmann huldigte.

 Überlebensgroß waren auch die Protagonisten der Filme, die vor allem in den späten 30er-Jahren in Hollywood entstanden, und die im Fachpresse-Kauderwelsch bald nur „biopics“ (von „biographical picture“) genannt wurden. Aufwändige Produktionen wie „The Story of Louis Pasteur” (1936) oder „The Life of Emile Zola“ (1937) erzählten vom selbstlosen Kampf großer Männer im Dienste der Menschheit.
Die Gegner dieser Helden waren keine Schurken, sondern die bigotten Vertreter verknöcherter Gesellschaftsstrukturen, die sich dem unaufhaltsamen Fortschritt entgegen stellten.

Vergleichbare Filme gab es zu dieser Zeit auch in Europa. Besonders populär waren im damaligen Deutschland die Reihe der „Fridericus“-Filme, die das Leben und die Taten von Friedrich dem Großen zum Inhalt hatten. Von der Nazipropaganda vereinnahmt, wurde der Preußenkönig zu einem Vorläufer des „größten Feldherrn aller Zeiten“ und wusste wie Hitler (in „Der große König“, 1942) seine militärische Kühnheit gegen eine zaudernde Generalität durchzusetzen.


Die Einsamkeit der Macht.

 
Eine ähnliche propagandistische Funktion dürfte auch Stalin im Sinne gehabt haben, als er im Krieg grünes Licht für die Verfilmung des Lebens Iwans des Schrecklichen durch Meisterregisseur Sergej Eisenstein gab. „Iwan Grosnij“ (1943/45) zeichnete ein zwiespältiges Bild des Einigers der russischen Nation, das dann doch nicht so ganz nach dem Gusto des Diktators war. 
Besonders der zweite Teil des als Diptychon angelegten Werks zeigt einen Zaren, der in eine Spirale von Verrat und Gewalt gerät und immer einsamer da steht. Denn die Berufung durch das Schicksal ist kein Geschenk, das den „Großen“ in die Wiege gelegt wird, sondern mitunter eine unerhörte Last, und nur der feste Glaube an ihr Lebensziel, auch in schweren Stunden, lässt sie durchhalten.

Drohende Niederlagen sind im Film allein schon aus dramaturgischen Gründen nötig. Ein Held, der sein Ziel erreicht, ohne gewaltige Hürden nehmen zu müssen, ist für eine Leinwanderzählung denkbar schlecht geeignet. Entsprechend wird die Prominentenvita, wie die Realität sie vorgab, umgeformt – und sei es bloß, indem die Lebensphasen ausgewählt werden, die als dramatisch besonders relevant erscheinen. Die Einheit von Zeit und Raum im Drama führt denn auch dazu, dass die Film-„Biographie“ sich oft auf wenige Wochen oder Monate beschränkt.


Aufstieg und Fall.

Zweifel überkommen die Protagonisten der Biopics der Nachkriegszeit, sie werden als Menschen mit Schattenseiten dargestellt, das Genre wird sozusagen „psychologisiert“. Das Porträt, das David Lean vom Offizier, Agenten und Schriftsteller T.E. Lawrence in „Lawrence of Arabia“ (1962) zeichnet, ist nicht mehr das eines strahlenden Helden. Sein Lawrence ist eine zwar schillernde, aber doch auch egozentrische, ja eitle Persönlichkeit, deren Handeln zum Teil fatale Folgen hat. Vor allem aber ist er ein Mensch, dessen Charakter sich bis zuletzt einer Durchleuchtung widersetzt und den Zuschauer am Schluss mit vielen Fragen zurücklässt.

 
Behandelten Filmbiographien früher meist das Leben verstorbener Staatsmänner, Militärs, Wissenschaftler, Sportler und Künstler, kamen in den letzten Jahren häufig auch noch lebende Personen zu Leinwandehren, was nicht selten Probleme aus menschlicher Sicht aufwirft. Etwa dann, wenn die Hauptfigur psychisch krank ist beziehungsweise war, wie der Mathematiker und Nobelpreisträger John Forbes Nash in „A Beautiful Mind“ (2001) oder der Pianist David Helfgott in „Shine“ (1996).

In „The Queen“ (2006) stellte Regisseur Stephen Frears keine Geringere als die regierende britische Königin in den Mittelpunkt der Handlung. Eine besondere Herausforderung, nicht nur aus juristischer Sicht. Wie weit darf ein Filmemacher seiner Fantasie freien Lauf geben, in diesem Fall, was die Gefühle und Reaktionen Königin Elizabeths nach dem Tode von Prinzessin Diana angeht? Er kann und darf es offenbar, denn der künstlerische und kommerzielle Erfolg des Streifens zeigt, dass auch ein „Biopic“ letztlich eine Filmerzählung und kein Dokumentarfilm ist.


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