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Das Melodram


Opfer einer großen Liebe

Die Amerikaner lieben ihre Sprache kurz und knackig. Ein Film, bei dem man haufenweise Papiertaschentücher verbraucht, ist für sie ganz einfach ein „tear jerker“. Ein Streifen also, der kräftig auf die Tränendrüsen drückt, oder kurz gesagt: eine Schnulze. Das muss nicht abschätzig gemeint sein, ist es aber oft, wenn Bildungsbürger unter sich sind. „Sei doch nicht so melodramatisch“, sagt man zu jemandem, der seinen Gefühlen mit theatralischer Emphase Ausdruck verleiht.

Aus dem Theater kommt ursprünglich der Begriff. Melodramen, die sich im 19. Jahrhundert besonders in England und Amerika großer Popularität erfreuten, waren pathetisch-triviale Dramen, die Handlungen nach bewährtem Muster und mit stereotypen Hauptfiguren in Szene setzen. Durch eine übersteigerte Emotionalisierung, vordergründige Spannung, unterstützt durch eine effektvolle musikalische Untermalung und spektakuläre Bühneneffekte, sollte der Zuschauer sich mit dem Helden – oft eine unschuldige, verfolgte Heldin – identifizieren können, als wäre er selber von den schweren Schicksalsschlägen betroffen, die der Autor für seine Figuren bereithielt.

Lachen und Weinen.

Ein Grundmuster, das der Film, dessen Funktionsweise in der Regel auf Identifizierung aufbaut, bereitwillig übernahm. So sehr, dass manche Filmtheoretiker eigentlich nur zwei Hauptströme im Kino akzeptieren: das Melodram und die Komödie. Gleichzusetzen mit Liebesfilm ist das Melodram keineswegs. Die scheinbar (glaubt man dem Kino und anderen Medien der Populärkultur) allgegenwärtige, treibende Kraft der menschlichen Existenz kommt in beiden Gattungen vor. Bestes Beispiel sind die Rom-Coms (kurz für: „romantic comedies“), die Liebeskomödien, die seit ein paar Jahren die Kinosäle überfluten, dies offensichtlich, weil es eine starke Nachfrage gibt.   

 
Tragische Liebe, von denen Melodramen im Gegensatz zu diesen Romanzen mit vorhersehbarem Happyend erzählen, sind dagegen weitgehend aus dem Angebot verschwunden. Weil sie zu naiv für den (post-)modernen Zuschauer sind? Jedenfalls nicht, weil sie zu traurig sind, denn auch ein Melodram kann am Schluss Hoffnung machen, wenngleich es meist nicht mit wunschlosem Glücksgefühl endet. So zum Beispiel im Filmmelodram schlechthin: „Gone With the Wind“ (1939), wo Scarlett am Schluss aller Liebe entsagt, beziehungsweise sie auf ihr zum Mythos stilisiertes Landgut „Tara“ transferiert.

Verzichten auf das Glück.

Doch das Melodrama hält uns als Erzählstruktur auch heute noch alle gefangen. Zum Beispiel in der Gestalt des Thrillers, wo der Held ebenfalls von einem Schicksalsschlag (einem falschen Verdacht zum Beispiel) getroffen wird, sich als unschuldig Verfolgter gegen böse Kräfte behaupten muss (der Filmbösewicht ist eine höchst melodramatische Figur) und nach durchlittenem Unglück über diese triumphiert. In irgendeiner Form zumindest – im Melodrama ist nämlich sogar der Tod des Helden, sozusagen als christliche Metapher, ein Triumph.

Denn Opfer muss der Held oder die Heldin bringen, um im Verzicht Läuterung zu erfahren. Diese leidvolle Erfahrung macht zum Beispiel Barbesitzer Rick in „Casablanca“ (1942), einem Klassiker des Melodrams.

 
Am Schluss, im Nebel des Flughafens, und während die Flugzeugpropeller bereits drehen, überredet er seine geliebte Elsa dazu, mit ihrem Ehemann Viktor Laszlo davonzufliegen, und tröstet sie und sich selber mit der Erkenntnis „We’ll always have Paris!“ – uns wird immer die Erinnerung an unsere glücklichen Jahre in der französischen Hauptstadt bleiben. 
Glücksgefühl und Traurigkeit wechseln sich im Melodram wie im richtigen Leben ab, nur eben in exzessiver Form. Anders gesagt: Melodramen sind Stürme im Wasserglas der Gefühle – mit einer für den Zuschauer gewissermaßen kathartischen Wirkung.

Überhöhte Wirklichkeit.

Der heute allgemein anerkannte Meister des klassischen, kunstvollen Hollywood-Melodrams mit Bigger-than-Life-Touch war der Deutsch-Amerikaner Douglas Sirk (u.a. „Magnificent Obsession, 1953; All That Heaven Allows“, 1955; Imitation of Life, 1959) der seine Geschichten durchaus in einen realen zeitgenössischen Kontext zu platzieren wusste. Denn ganz abgehoben darf auch die tränenreichste Technicolor-Edelschnulze nicht sein: um zu funktionieren, muss sie in irgendeiner Form an die Realitätserfahrung des Zuschauers anknüpfen. Dies machte sich auch die Teenie-Kultschmonzette „Love Story“ (1969) zueigen, bei deren ergreifendem Ende eine ganze Generation von KinogängerInnen ganze Tränenseen vergossen.

 
Schmachtende Blicke, seufzende Geigen und innige Liebesbeschwörungen, das nimmt heute niemand mehr ernst. Oder etwa doch? Zum Beispiel dann, wenn die melodramatische Handlung jugendlich aufgepeppt ist und mit Vampir- und Werwolfkult verquickt ist. Denn die emotionalen Irrungen und Wirrungen, die die „Twilight Saga“ von Folge zu Folge erzählt, sind Melodrama im Reinzustand. Im Zeichen der „Postmoderne“ gibt es natürlich auch Regisseure, die mit den Regeln des Genres spielen, sie zitieren und manchmal neu interpretieren.
Wie bereits Rainer Werner Fassbinder, der in Sirk eines seiner großen Vorbilder sah, und mit Filmen wie „Die Ehe der Maria Braun“ (1978) oder „Lili Marleen“ (1980) selbst hoch gelobte Melodramen lieferte. Auch Lars von Trier („Dancer in the Dark“, 2000) und Wong Kar-wai („In the Mood for Love“, 2000) haben in ihren interessanten Neuninterpretationen melodramatischer Erzählstrukturen bewiesen, dass Kitsch und Kunst nicht immer Welten trennen.


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